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Bodo Löttgen: Vernachlässigen - Vergessen - Verwerfen

Quelle: Ostpreußen-TV - Ostpreußischer Rundfunk www.youtube.com/watch?v=g0eLZhSSNb8


Vernachlässigen - Vergessen - Verwerfen
Vortrag von Bodo Löttgen, Generalsekretär der CDU Nordrhein-Westfalen,
anläßlich des Ostpreußentreffens auf Schloß Burg am 15.07.2012

Heimatbegriff

Der im März 2007 ausgestrahlte Fernseh- Zweiteiler „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler war mit 13 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film im Ersten Programm seit zehn Jahren.

ARD-Programmdirektor Günter Struve äußerte sich erfreut, „dass wir mit diesem schweren Thema so viele Zuschauer angesprochen haben“.

Zum ersten Mal wurde im deutschen Fernsehen die Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen mit fiktionalen Mitteln erzählt.

13 Millionen Zuschauer!

Darunter sicherlich auch viele junge Menschen, die sich zum ersten Mal dafür interessierten, woher ihre Eltern und Großeltern kamen und was diese erlebt haben. In wie vielen Wohnzimmern mögen an diesem Fernsehabend wohl Fragen wie „Da kommt ihr her? War das eure Heimat?“ gestellt worden sein?!

Das Gefühl für Heimat und das Recht auf Heimat sind für mich elementare Menschenrechte und Bausteine eines Europas, das sich seiner Identität und seiner Werte verpflichtet weiß.

Aus diesem Selbstverständnis heraus ist es richtig und wichtig, dass auch hier und heute dieses Treffen der Ostpreußen in der Gedenkstätte der deutschen Heimatvertriebenen auf Schloss Burg stattfindet.

Wir alle, jeder Einzelne von uns, hat nur eine einzige Heimat.

In der Philosophie ist der Begriff ‚Heimat‘ seit jeher stark umstritten, die Deutungshoheit ist umkämpft. Doch traditionell wird selbst dort die Heimat als Mittelpunkt der individuellen Existenz des Menschen, Ort seiner Kindheit, der Geborgenheit und Sicherheit angenommen.

Die Sprachwissenschaft ist heute auf dem Stand, dass – semantisch betrachtet - ein bestimmter Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen und nur einen bestimmten Ort denkt, wenn er „meine Heimat“ sagt.

Und doch höre ich immer wieder, vor allem bei heute älteren Menschen, die nach dem Krieg aus den deutschen Ostgebieten zu uns gekommen sind, den Begriff „alte Heimat“.

Gibt es auf der Zeitschiene des zurückgelegten Lebensweges vielleicht doch nicht nur eine Heimat?
Und: Wenn es die alte Heimat gibt, so muss es zwangsläufig doch auch eine neue Heimat geben.

Sie, meine Damen und Herren, haben unter dem inneren Zwiespalt zwischen der alten und der neuen Heimat gelitten oder leiden heute noch daran. Zwischen der Erinnerung an das geliebte Verlorene, und der Notwendigkeit, sich neu zu verwurzeln.

Ich glaube fest daran, dass viele von Ihnen, die ihrer alten Heimat beraubt wurden und diese verlassen mussten, hier bei uns in Nordrhein-Westfalen eine neue Heimat gefunden haben.

Und diese auch so benannt haben.

Ich denke da an ganze Straßenzüge, die so heißen, sei es in Essen oder in Baesweiler bei Aachen – oder in weiteren 55 Städten und Gemeinden in ganz Deutschland.


Die neue Heimat

Meine Damen und Herren, Nordrhein-Westfalen hieß in den 1950er Jahren auch „Flüchtlingsland der Bundesrepublik“. Im Vergleich zu anderen Bundesländern lebten hier bei uns mit etwa 2,4 Mio. die meisten Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten sowie Flüchtlinge bzw. Zuwanderer aus der DDR. Zwar nahm unser Land in der unmittelbaren Nachkriegszeit nur wenige Vertriebene auf, da das Ruhrgebiet und weite Teile des Rheinlandes wegen der Kriegsschäden gesperrt waren.

Doch mit den organisierten Transporten seit dem Herbst 1946 kamen viele Vertriebene nach Nordrhein-Westfalen.

Die Landwirtschaft, das ländliche Gewerbe und der Bergbau boten ihnen eine erste Beschäftigung; im Jahre 1949 war jeder neunte Bergmann ein Vertriebener.

Ebenfalls in diesem Jahr wurde in Ost-Westfalen vom Evangelischen Hilfswerk die Flüchtlingsstadt Espelkamp gegründet, nicht nur um den Vertriebenen eine neue Heimstatt zu geben, sondern auch um den strukturschwachen Raum mit neuen wirtschaftlichen Impulsen zu beleben.

Immer mehr Vertriebene kamen an und standen vor der Herausforderung der Eingliederung.

Vertriebene Kinder gingen plötzlich mit den Kindern von Alteingesessenen gemeinsam zur Schule, die Männer hatten plötzlich neue Arbeitskollegen „aus dem Osten“, im Dorfladen standen fremde Frauen in der Schlange.

Man hatte die alte Heimat im Gepäck und die neue Heimat unter den zerschlissenen Schuhsohlen.

Viele Menschen, für die bislang Breslau oder Bistritz, Gleiwitz, Königsberg oder Allenstein die Heimat war, mussten sich nun - ihrer alten Gemeinschaft entrissen - in Nordrhein-Westfalen einleben.

Flucht und Vertreibung war also im Gegensatz zu heute ein Alltagsthema.

Da staatliche Unterstützung auf ein kaum wahrnehmbares Minimum begrenzt war wurde das unsichtbare Fluchtgepäck der Vertriebenen umso wichtiger und wertvoller:

Ihr technisches, handwerkliches oder akademisches Wissen, ihre über viele Jahrhunderte gereifte kulturelle Erfahrung hat Deutschland nachhaltig geprägt und gestärkt.

Aber die Vertriebenen haben nicht nur ihre kulturelle Identität hier in unseren nordrheinwestfälischen Städten und Gemeinden verankert.

Sie haben darüber hinaus auch in schwierigster Zeit einen unverzichtbaren Beitrag für das demokratische Gefüge unserer Bundesrepublik geleistet, den man mit „Wertebewußtsein“ zwar umschreiben kann. Besser deutlich wird er in Marion Gräfin Dönhoff’s Buch „Kindheit in Ostpreußen“: "Verantwortung zu tragen, das wurde uns nicht gepredigt, das ergab sich einfach in der Gemeinschaft."

Der Mensch braucht die Gemeinschaft ebenso wie seine Heimat.

Und so faszinierend auch die Vorstellung von der immer kleiner werdenden globalisierten Welt ist – im so genannten „globalen Dorf“ kann man sich nicht verankern.

Wir sehnen uns, auch die jungen Leute, nach überschaubaren räumlichen und sozialen Gegebenheiten.

Das müssen wir bedenken, wenn es in Zukunft vor allem darum gehen wird, den insgesamt über 800.000 Spätaussiedlern, die seit 1986 (Gorbatschows Passgesetz zur Erleichterung der Ausreise!) aus dem Osten Europas zu uns nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind, in unseren Städten und Gemeinden eine neue Heimat anbieten zu können.

Hier braucht sowohl die Politik als auch die gesamte Gesellschaft Ihre integrative Hilfe, meine Damen und Herren, die Hilfe, den Sachverstand und das Wissen des BdV!


Schiefes Bild richtigstellen

Gerade für junge Spätaussiedler ist der sprachliche und berufliche Neuanfang, das Kennenlernen einer neuen Kultur und Gesellschaft, die soziale und emotionale Eingliederung in die neue Heimat oft überaus schwer. Sie brauchen dazu unsere Hilfe.

Mit Stalins Ucas vom 28. August 1941 begann die Deportation der Deutschen in Russland. Sie brachte den Menschen unermessliches Leid, alleine bis zu 400.000 Deutsche starben in Stalins Arbeitsarmee (Trudarmee).

Es wird allzu leicht übersehen, dass beispielsweise Sprachdefizite der Spätaussiedler das Ergebnis einer Repressionsgeschichte und des jahrzehntelangen Assimilationsdrucks sind. Vergessen wir doch nicht, dass in den Deportationsgebieten, aber auch in vielen deutschen Ostgebieten die deutsche Sprache unter Strafandrohung verboten war!

Ich will das gerade vergangene Gedenkjahr des 70. Jahrestages der Deportation nutzten, um am Beispiel der Russlanddeutschen zu verdeutlichen, das unsere Gesellschaft mit schmerzhafter Ignoranz und Unwissen dabei ist, die neue Heimat in eine „kalte Heimat“, (Buchtitel Andreas Kossert) zu verwandeln.

In Russland wurden sie als die „Deutschen“ beschimpft; und nun in Deutschland werden sie im gleichen Ton die „Russen“ genannt. Das geht so weit, dass selbst Tageszeitungen nicht davor zurückscheuen, dieses schiefe Bild zu befördern.

Kommt ein jugendlicher Russlanddeutscher mit dem Gesetz in Konflikt, so ist er ein Russe. Gewinnt er aber bei den Olympischen Spielen eine Goldmedaille für Deutschland, so ist er ein Deutscher.

Weil gerade dieses Beispiel den häufig gedankenlosen Umgang mit dem Thema zeigt, sind wir alle miteinander aufgefordert, vor allem die Politik - Wege zu finden, der Bevölkerung einerseits die tragische Geschichte der Russlanddeutschen und die gelungene Integration des größten Teils dieser Menschen zu vermitteln; und andererseits dem kleinen Teil der russlanddeutschen Einwanderer zu helfen, der mit unseren Gesellschaftsregeln noch nicht zurechtkommt.

Das Wunder der Integration von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen, in einem vom Krieg zerstörten Land, ist bis heute eine historische Leistung, ein Wunder des Friedens und der Versöhnung, auf das wir Deutsche stolz sein können und das der Welt ein Vorbild sein kann.

Wir lassen uns diesen Kraftakt nicht dadurch schlecht reden, dass wir neuerdings gemalte Bilder von angeblich misslungener Integration stillschweigend hinnehmen.

Keine Gruppe unserer Gesellschaft ist so gut integriert wie Vertriebene und Spätaussiedler! Es gibt keine Parallelgesellschaft der Heimatvertriebenen in unserem Land.


Dafür erleben wir zunehmend eine Einwanderung, die sich nur in unsere Wirtschaft und vor allem in unser Sozialsystem „integriert“, nicht aber in die Gesellschaft. Und es ist eine freiwillige Einwanderung, es sind keine Heimatvertriebenen oder zur Flucht gezwungenen Menschen!

Lassen sie mich als aktuelles Beispiel die Gruppe der Salafisten nennen. Diese extremistische und äußerst radikale islamistische Minderheit fordert beispielsweise die Todesstrafe durch Steinigung und den Vorzug der Scharia vor dem deutschen Grundgesetz.
Sie schaffen damit deutlich abgegrenzte Parallelgesellschaften- abgeschlossene Heimat-Welten, die mit dem Umfeld des Gastlandes wenig gemein haben und auch nicht haben wollen.

In aller Deutlichkeit, meine Damen und Herren, der alte Multi-Kulti-Traum muss der Realität einer berechtigten Sorge vor sich verfestigenden, abgegrenzten Parallelgesellschaften in unserem Land weichen.

Gerade Integration ist auch eine Bringschuld, der die Vertriebenen und Spätaussiedler in vorbildlicher Weise nachgekommen sind und die stets neu einfordert werden muss.


Kultur des Erinnerns

Die Erinnerungen und Traditionen die Sie pflegen, diese alte Heimat in Ihren Herzen, ist zu allererst Ihre persönliche Heimat.

Sie ist aber auch ein wesentlicher Teil unserer gemeinsamen deutschen Geschichte. Zum Verständnis der deutschen Geschichte und Kultur gehört auch das Wissen über Geschichte und Kultur des ehemaligen deutschen Ostens – von Böhmen und Mähren über Schlesien bis Masuren und Ostpreußen bis hin zu den deutschen Siedlungsgebieten an der Wolga und später in Sibirien und der kasachischen Steppe.

Wenn die Vertriebenen und die Spätaussiedler – sei es im BdV, sei es in den Landsmannschaften - ihre Traditionen, ihr Brauchtum, ihr kulturelles Erbe pflegen, pflegen sie ein gemeinsames deutsches Vermächtnis.

Dafür sind wir Ihnen zutiefst dankbar.

Der weit verbreiteten Kultur des kollektiven Vergessens müssen wir alle, gemeinsam, eine Kultur des Erinnerns entgegensetzen.

Sich erinnern kann man mit dem Herzen und der Seele, mit dem Verstand und im Gespräch.

Aber man kann auch das Haus Schlesien in Königswinter oder das Westpreußische Landesmuseum in Münster besuchen.

Oder man fährt vom Gerhard-Hauptmann-Haus, dem ehemaligen „Haus des deutschen Ostens“ nach Ratingen ins Oberschlesische Landesmuseum. Und dann von hieraus, von der Gedenkstätte Schloss Burg, zur Breslauer Sammlung nach Köln.

Ganz bewusst habe ich diese Häuser aufgezählt.

Ganz bewusst, weil sie ein Teil des institutionalisierten Gedenkens sind, die das Erinnern leichter machen und ein unverzichtbarer Teil der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft sind.

Ich bin froh und den Trägern dankbar, dass sie mit viel Energie diese Stiftungen, Museen, Sammlungen und Gedenkstätten pflegen und aufrechterhalten. Da, wo es in meinen Möglichkeiten liegt, will ich gerne dabei mithelfen, diese Infrastruktur des Gedenkens und des Erinnerns zu erhalten.

Der Anspruch der Ostpreußen, ebenso wie der aller anderen Landsmannschaften, aber muss über diesen notwendigen, keinesfalls aber hinreichenden gegenständlich fassbaren Bereich hinausgehen.

Ziel muss es bleiben, Ostpreußen, Schlesien, das Sudetenland, beispielhaft aufgezählt für alle Landsmannschaften im BdV, dauerhaft als Teil des historischen Deutschlands im Bewusstsein unserer Mitbürgerinnen und Bitbürger zu verankern.

Denn nur dieses Ziel, verbunden mit einer erlebbaren Kultur des Erinnerns gibt Stärke und Ansporn, die Zukunft zu gestalten.


Vertreibung ächten

Der Bund der Vertriebenen fordert seit seinem Bestehen – völlig zu Recht und im Einklang mit den Landsmannschaften - Vertreibung weltweit zu ächten und wirbt aktiv für Versöhnung und Aufarbeitung des Unrechts.

Die Charta der Heimatvertriebenen, die am 5. August 1950 unterzeichnet und am 6. August in einer Massenkundgebung in Stuttgart vorgestellt wurde, ist dabei das moralische Fundament für die Arbeit und das Handeln der deutschen Heimatvertriebenen.

Ursprünglich als Protest gegen das Unrecht der Vertreibung gegenüber den Besatzungsmächten entworfen, drückt sie mit ihrem Bekenntnis zum friedlichen Zusammenleben mit allen Nachbarvölkern und zum Aufbau eines gemeinsamen Europas gleichzeitig den Willen zur Versöhnung und zum Wiederaufbau Deutschlands in Frieden und Freiheit aus.

Der offensive Verzicht auf Rache und Vergeltung widerlegt all diejenigen, die gerne vom „Revanchismus der Vertriebenen“ sprechen.

Vertreibungen sind, und das ist mittlerweile Gott sei Dank länderübergreifender Konsens, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und lösen in heutiger Zeit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft aus.

Das aber war nicht immer so.


Als die Deutschen in der größten Vertreibung der Geschichte aus ihrer Heimat verjagt wurden, waren fast alle Völker Europas ausschließlich mit dem eigenen alltäglichen Überleben beschäftigt.

Dass die bittere Armut der nach Deutschland Geflüchteten, deren Verzweiflung und Not eine direkte Konsequenz der Enteignungen, der Willkür und Gewalt, ja auch der teilweise schrecklichen Erlebnisse in den Flüchtlingstrecks waren – dafür hatte Europa damals kein offenes Ohr. Es wurde höchstens zur Kenntnis genommen.

Es darf aber nicht in Vergessenheit geraten, was für eine Tragödie Flucht und Vertreibung nicht nur im Großen, sondern eben auch im Kleinen, für den einzelnen Menschen war:

Das kleine Mädchen, das auf dem Transport vor Hunger stirbt; die panische und unkontrollierbare Angst des Vaters um seine Kinder und seine Familie; das Zurückbleiben der kranken und nicht transportfähigen Großeltern; die offen gelassene Stalltür damit das zurückgelassene Vieh sich selbst Futter suchen kann; der Hals über Kopf verlassene Hof, in den in Kürze Fremde einziehen werden.

Diese historische Katastrophe besteht aus einer unermesslichen Summe von Individualkatastrophen, die unser Empathievermögen grotesk übersteigen und uns hilflos dastehen lassen.


Unrecht bleibt Unrecht - Aktive Suche nach der Wahrheit

„Geschichte“, so hat der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff einmal gesagt, „ist kein gemütlicher Themenpark, kein Nostalgieprojekt. Sie ist Begegnung mit den Kämpfen und Leidenschaften der Menschen, (...), mit dem ganzen gelebten Leben.“

Für die Vertriebenen und Spätaussiedler bedeutet dass: Ihr erlittenes Unrecht ist Teil unserer gemeinsamen deutschen Geschichte. Wir können es nicht einfach verdrängen oder gar als erledigt abheften! Unrecht bleibt Unrecht. Aber eben auf beiden Seiten – und daher auch das Unrecht, das Sie, die Sie hier sitzen, in zum Teil unerträglichem Schmerz und Leid erfahren mussten!

Als die Bundesvorsitzende des BdV, Erika Steinbach, davon sprach, dass es ohne den Nationalsozialismus und den durch Hitler begonnenen Krieg weder die Vertreibung der Deutschen noch die Teilung Deutschlands gegeben hätte, so sprach sie eine schlichte Wahrheit aus.

Wahrheit aber fällt uns nicht in den Schoß.

Wahrheit will aktiv gesucht werden.

Nun werden Sie auf der Suche nach der Wahrheit vielen offenen Fragen begegnen und für mich Landespolitiker ist die Einmischung in die deutsche Außenpolitik, wegen fehlender Zuständigkeiten und geringer Handlungsmöglichkeiten immer eine diffizile Angelegenheit.

Persönlich jedoch erlaube ich mir den Hinweis, dass Themen wie die geschichtskonforme Ausgestaltung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die Benesch-Dekrete oder die stockende Eigentumsrückgabe in den mitteleuropäischen Ländern solch unbefriedigende offene Fragen sind!

Gerade hier muss die Kenntnis der Wahrheit, auch wenn sie unterschiedlich interpretiert wird, zu einem offenen und vor allem ehrlichen Dialog führen, an dessen Ende nachvollziehbare Ergebnisse stehen.

Ich bin sicher, meine Damen und Herren, dass die Befassung der Wissenschaft, vor allem auch die Einrichtung von Lehrstühlen bei uns in NRW für diese aktive Suche mehr als zuträglich wären!

All den Zögerern und Zauderern, denjenigen, die vielleicht ja mit Fug und Recht im Blick auf die Wahrheit Furcht empfinden, will ich mit Immanuel Kant zurufen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“


Meine Damen und Herren,

Es ist und bleibt daher eine mit Fakten belegbare Wahrheit, dass die Verantwortlichkeiten für millionenfache Menschenrechtsverletzungen, für Unterdrückung, Terror und Vertreibung nach 1945 bei denen liegen, die dort die Herrschaft hatten.

Mittel- und Ostdeutschland litten unter einer kommunistischen Diktatur. Der Weltkrieg fand eine Fortsetzung mit anderen Mitteln: als Kalter Krieg in ganz Europa und mit ungezählten Akten der Willkür gegen die im Ostblock verbliebenen Deutschen.

Meine Damen und Herren, die Initiative zur Vertreibung ging insbesondere von Polen und der Tschechoslowakei aus. Aber Stalin war ihr Mentor.

Die Alliierten segneten in Potsdam diese Wünsche ab.

„Human" sollte die Vertreibung geschehen, wurde in der Potsdamer Konferenz protokolliert.

Keine Rede war davon in der Praxis: Zwangsarbeit, Lagerhaft und Folter gingen der eigentlichen Vertreibung massenhaft voraus. Mord und Vergewaltigung waren an der Tagesordnung.

Die Zeit reicht nicht aus, um nur die gröbsten Menschenrechtsverletzungen und Willkürhandlungen, denen die Deutschen in ihren Siedlungsgebieten ausgesetzt waren, aufzuzählen.


Womit anfangen?

Damit, dass sich Stalin mit der Deportation der Russlanddeutschen für Hitlers Angriff auf die Sowjetunion an Unschuldigen rächte?

Die Russlanddeutschen trugen für Hitlers Größenwahn und manischen Kriegsgelüste keinerlei Verantwortung.

Sie wurden nicht deshalb Opfer staatlicher Repression, weil sie Feinde Russlands gewesen wären – sondern weil sie Deutsche waren.

Über viele Jahre hinweg, bis fast in die fünfziger Jahre, gab es keine Fragen nach individueller Schuld oder Verantwortung. Es reichte aus, deutscher Volksangehöriger zu sein, ob Säugling oder Greis, Mann oder Frau.

Und wo aufhören? Damit, dass die östlich des eisernen Vorhangs verbliebenen Deutschen in der Sowjetunion, in Ungarn, Polen, Rumänien und Jugoslawien noch bis 1989 zum Teil als Nazis beschimpft und drangsaliert wurden?

So wie der Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg Teil unserer Geschichte ist, so bleibt eben auch das Unrecht, das zahlreichen Deutschen während des Kalten Krieges hinter dem Eisernen Vorhang zugefügt wurde, Teil unserer gesamtdeutschen Geschichte.


Aufgaben für die Zukunft

Es ist und bleibt Aufgabe der Landsmannschaft der Ostpreußen, sowohl die Kultur des Erinnerns wach und lebendig zu halten, als auch Gerechtigkeitslücken für die Erlebnisgeneration zu schließen.

Zum erstgenannten, das will ich für mich und die CDU Nordrhein-Westfalens heute deutlich machen, gehört im Übrigen unabdingbar eine Pflicht zur Aufnahme dieses Themas in den Unterricht an unseren Schulen.

Die Kultur des Erinnerns bedarf tagtäglicher Arbeit, institutioneller Unterstützung und finanzieller Ressourcen; aber sie bedarf auch solcher Veranstaltungen wie dieser hier und heute.

Eine weitere Aufgabe ist eng mit dem Hier und Heute und gleichzeitig mit den kommenden Generationen verknüpft.

Die vielfältigen Aufgaben und Betätigungsfelder der Landsmannschaft Ostpreußen haben sich gegenüber den Gründungsjahren, die von bitterer Armut und den großen Anstrengungen als Flüchtling ein normales Leben zu führen, bestimmt waren, gewandelt und weiterentwickelt.

In den Jahren nach der Gründung waren alle Vertriebenenorganisationen noch hauptsächlich von Menschen der sogenannten Erlebnisgeneration geprägt, also Menschen, die Flucht und Vertreibung am eigenen Leibe erfahren mussten. Da ging es oftmals um die eigene Existenz, ums Überleben.

In 63-zigten Jahr muss sich die Landsmannschaft Ostpreußen, ebenso wie die anderen Mitgliedsorganisationen des BdV, ohne seine damaligen Ziele zu vergessen oder gar mit ihnen zu brechen, der Herausforderung stellen, den Nachfolgegenerationen eine neue, vor allem eine innere Heimat zu bieten.

Denn spätestens seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der damit einhergehende massiven Aussiedlung der Deutschen aus Polen, Russland oder Rumänien ist auch der BdV gefordert, diese Spätaussiedler bei der Integration in unsere Gesellschaft zu unterstützen.

Einen Punkt möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, weil er mir sehr am Herzen liegt:
„Aussiedler und Spätaussiedler sind Deutsche und als solche von ausländischen Migranten zu unterscheiden.“

Diese Feststellung unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel war dringend notwendig, denn es wird Ihnen nicht entgangen sein, dass sich im Zuge der aktuellen Integrationsdebatte ein Zungenschlag in der politischen Diskussion, ja sogar in der Dialektik eingeschlichen hat, der fast unbemerkt, aber vor allem unreflektiert von den Medien übernommen worden ist:

Deutsche aus Kirgisien oder Russland, aus Oberschlesien oder Ostpreußen, aus Siebenbürgen oder dem Banat werden – häufig unwidersprochen – selbst von führenden Köpfen der Politik als Migranten und Migrantinnen bezeichnet.

Niemand hat ein Recht dazu, denen, die bis 1990 jenseits des Eisernen Vorhangs unter schwierigsten Bedingungen als Teile der deutschen Minderheiten ausgeharrt haben und dann zu uns kamen, ihre deutsche Identität abzusprechen und sie dessen zu berauben, was sie unter widrigsten Bedingungen aufrecht erhalten und liebevoll gepflegt haben.

Im Bewusstsein des Leidensweges deutscher Spätaussiedler widerspreche ich daher dieser Gleichsetzung als Christdemokrat in aller Entschiedenheit!

Ich möchte Sie alle ermutigen, gemeinsam mit dem BdV diesen Denkfehler mit gefährlichen Folgen bei jeder Gelegenheit anzuprangern und unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern in aller Deutlichkeit zu sagen, dass alle Menschen, die Sie vertreten, ein Recht darauf haben, als Deutsche in unserer deutschen Gesellschaft anerkannt zu werden!


Zum Schluss

Wie Recht hatte Wilhelm von Humboldt mit seiner Erkenntnis: „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben.“

Viel einfacher als auf dem Feld der großen Politik und mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit können aus solchen unverkrampften Begegnungen gerade junger Menschen Verständigung und dann auch Vergeben erwachsen.

Wahrheiten werden im Dialog erschlossen.


Denn es sind doch gerade die Vertriebenen und Spätaussiedler, die in einer Art „Volksdiplomatie“ Mittler und Brückenbauer zwischen den Kulturen darstellen.

Sie helfen, dass Menschen zueinander finden. Sie sind die berufenen Ansprechpartner für die jungen Menschen, die sich offen, neugierig und unbelastet für die Geschichte ihrer Heimat interessieren und das Jahrhunderte lange Zusammenleben in den deutschen Gebieten im Osten, aber auch dessen schreckliches Ende neu entdecken.

Dafür braucht unser Land die Vertriebenen als die wichtigsten Baumeister, die Fundamenten einer Brücke, diesseits und jenseits der Grenze, begründet haben.

Meine Damen und Herren,

Sie haben ihrer heutigen Veranstaltung den Bibelvers des Propheten Hosea vorangestellt. „Mein Volk geht zugrunde aus Mangel an Erkenntnis.“

In Hosea 4,6-10 spricht Gott sein Gericht aus über die geistlichen Leiter der damaligen Zeit. Es waren Priester und Propheten, die sich Stück für Stück von der Wahrheit entfernt hatten.

Und das Gericht Gottes war deshalb so streng, weil aufgrund ihrer Verirrung auch das Volk „an Mangel an Erkenntnis“ zugrunde ging. Gerade die geistlichen Leiter hätten ihnen eigentlich helfen müssen, auf dem wahrhaftigen Weg zu bleiben.

Auch vielen von uns geht es heute so, dass sie inzwischen manches für „zu extrem“ oder „unrealistisch“ halten. Etwas, was wir einst mit Leidenschaft geglaubt haben, bezweifeln wir heute.

Warum haben wir diese Standpunkte, diese Haltung verworfen?

Man könnte die Entwicklung folgendermaßen skizzieren: Weil wir sie zuvor vergessen haben. Warum haben wir sie vergessen? Weil wir sie davor vernachlässigt haben.

Mit Blick auf die Wahrnehmung der Vertriebenverbände, auf die heute vorhandene Kenntnis über das unendliche Leid von Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten muss uns dieser Dreiklang Vernachlässigen - Vergessen - Verwerfen aufrütteln, wach und aktiv machen.

Ich will daher mit einem Zitat eines Ostpreußen, des aus dem Ermland stammenden, im vergangenen Jahr verstorbenen ehemaligen Erzbischofs von Berlin, Georg Maximilian Kardinal Sterzinsky, schließen: „Wir müssen neue Wege suchen, um unsere Botschaft zu verkünden.“

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören und wünsche der weiteren Veranstaltung einen guten Verlauf.

Quellen:
Foto: Archivmaterial;
Ein Vortrag von Bodo Löttzgen. Dies ist das Skript des Vortragenden;
es gilt, für Zitate und Berichterstattung, nur das gesprochene Wort!

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zu dem im Vortrag angesprochenen Themen
finden Sie weitere Informationen unter:

Zeitgeschichte im ODF:
 http://www.odfinfo.de/Zeitgeschichte/;

Spielfilm: "Die Flucht":
 http://www.odfinfo.de/aktuelles/2007/Film-die-Flucht.htm;

Viele Vertriebene traf im Westen nur blanker Hass /
Andreas Kossert: "Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945"
http://www.odfinfo.de/Zeitgeschichte/Nur-blanker-Hass.htm;

Siedlungsgeschichte: Deutsche Ostsiedlung
http://www.odfinfo.de/Geschichte/index.htm;

Charta der deutschen Heimatvertriebenen
http://www.odfinfo.de/Zeitgeschichte/BRD/charta.htm;

Bund der Vertriebenen (BdV) zur Ausrichtung eines Parlamentarischen Abends
im Landtag von Nordrhein-Westfalen eingeladen:
http://www.ostpreussennrw.de/aktuelles/2011/Parlamentarischer-Abend.htm;
 


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